Eine Hommage an Vicco von Bülow (+2011), eine Posse über Berlin und vieles mehr – Lesen !
Wolfgang Schneider kommt aus Löhne. Da kann er nix dafür. Tilmann Birr haucht ihm (und am Rande auch seinen Erzeugern) dennoch eine ordentliche Portion Leben ein und lässt jenen Wolfo Schneider, wie er sich nach einigen Kapriolen und Kapiteln fortan nennen wird, im modernen Berlin einen Platz im Leben finden. Irgendwie zumindest die Suche nach einem Platz in seinem Leben. Heiter, listig, lustig aber niemals aufdringlich oder gar flach treibt Tilmann Birr seinen Protagonisten durch die Berliner Szene, nimmt den Leser mit in manch eine kuriose Szenerie, beschreibt eindrucksvoll die Welt des Theaters, geht mit ihm durch wilde Partys und verschafft ihm, dem Leser und auch Wolfo, in dessen Folge einen (Lese)Rausch an dem Schneider in den folgenden Kapiteln jede Menge an tiefgründiger Performance aufbieten muss. Klingt wirr ? ist es aber nicht. Im Gegenteil. Birr oder konkreter Wolfgang Schneider sind klar, der Handlungsstrang äußerst humorig und doch ein wenig „anders“, immer aber sehr gut zu lesen und nicht selten äußerst erheiternd und so schön subtil komisch.
Immer wieder, jedoch sehr feinfühlig und nahezu bescheiden, taucht ein „Herr“ in der Handlung auf und verwebt sich mit ihr. Keinem geringeren als Loriot begegnet Schneider und entwickelt ein zartes Band der Freundschaft mit ihm. Loriot bleibt, ganz Bülow like, stet im Hintergrund und ist doch in seinem Wesen und Wirken in der Story präsent. Bescheidener Denkmalbau. Gut gemacht, Tilmann.
Während Schneider dem Regisseur Brocher Parole bieten muss, seine Performance Künste leichthin aufkündigen kann und den ungeklärten Beziehungsstatus mit Lori ebenso ungeklärt im Raum stehen lässt, wäre da noch die kommunistische Front erwähnenswert, jene radikal aktive Gruppierung in die Schneider ebenso unversehens reinrutschte wie in das gesamte Berliner Leben überhaupt. Seine Flugblätter sind jedenfalls genauso genial wie seine Live-Act-Künste.
Tilmann Birr gönnt dem geneigten Leser jede Menge Lesespaß, komplexe Formulierungen und eine Handlung, die frank, frei und fröhlich vor sich hin wabbert ohne jemals langweilig zu werden. Er ist ein scharfer Beobachter der Charaktere, die seinem Hauptdarsteller begegnen und er entlarvt all die intelligent wirken wollenden Nebendarsteller, die sich wichtiger nehmen, als sie tatsächlich sind. Sein Stil ist erfrischend und die Figur Schneider so herrlich ehrlich, dass man sich gerne mehr solcher Schneiders aus Löhne wünschen möge.
Kurzum: es ist mitnichten ein Loriot, es ist ein echter Birr. Es ist ein tolles Buch, dass man mit Spaß und Ernsthaftigkeit zu sich nehmen sollte. Es verrät ein wenig über Kunst, aber vielleicht auch Spuren von Erkenntnisgewinn über den Sinn des Lebens, falls man diesen zwischen den Zeilen entdecken mag. Mir war es eine reine Freude. Danke an den Satyr Verlag. Grüße nach Berlin. 5 von 5 *****
*** (c)udo kewitsch, udomittendrin.de, Jul26 ***
