Marius Müller Westernhagen

Alphatier – Westernhagen ganz groß auf kleiner Bühne

Exklusives Pre-Listening-Konzert in der Münchner Tonhalle

Marius Müller Westernhagen – der etwas sperrige Name, die dünne Gestalt, das markante Röhren aus der Kehle des Düsseldorfers … das ist Kult – Jahrzehnte gereift. Westernhagen, so der neue, schlanke Name, ist zurück. Eigentlich war er ja nie weg, nur zwischen seinen zahlreichen Alben vielleicht immer wieder mal untergetaucht. Er sucht den Kontakt zum Publikum, vielleicht mehr denn je, hat deswegen eine sogenannte „Pre-Listening“ auf schon fast privater Ebene ausgerufen und steuert einen kleinen Club nach dem anderen an – vielleicht will er wieder – so wie damals „singen, nicht schön, sondern geil und laut“. Vor dem Konzert in der ausverkauften Tonhalle steht er einer kleinen Gruppe ausgesuchter Journalisten Rede und Antwort.

Gefühlt 3000 Alben habe er veröffentlich und nun kommt das „Alphatier“ heraus – wo ist da die Botschaft, fragt der Reporter von Bayern2 und wird sofort korrigiert. Es seien immerhin 19 Alben, und überhaupt sei jede Form der Kunst eine Art Diktatur, Kunst entstehe, wenn sie ausschließlich aus Dir heraus kommt, manchmal mögen es die Leute, manchmal eben nicht. Er habe sich nie darum gekümmert, sonst fängt man an mit Kalkül zu arbeiten und das sei nicht richtig.

Nun ist Marius mit einer „unglaublichen Band aus Amerika unterwegs und er will seine Songs gar nicht erklären. „Meine Interpretation ist überhaupt nicht wichtig“, sagt der 65jährige und fügt hinzu „wichtig ist, was die Leute empfinden wenn sie die Platte hören. Für mich ist es die emotionalste Platte“. Kein Wunder, frisch verliebt, frisch getrennt … so sind Fragen zum Privatleben selbstredend nicht der Kern der äußerst interessanten Fragerunde.

Marius plaudert, ist sehr eloquent, bedacht und mitunter tiefsinnig, bevor er sich zu einem weiteren Termin mit Sekt und Häppchen begibt.

Mittlerweile füllt sich die Münchner Tonhalle bis auf den letzten Platz, gut 2000 Fans werden es heute Abend sein, die meisten davon jenseits der 40 Lenze. Wer einen Hitregen erwartete, sah sich getäuscht, exklusiv und ausschließlich alle 14 Songs der neuen Scheibe „Alphatier“ wurden präsentiert, darüber hinaus zwei fantastische Bonussongs, kein kommerzielles Konzept, sondern pure Hingabe. Als Zugabe durften dann immerhin 5 Hits gemeinsam an die dampfende Decke der Tonhalle geschmettert werden.

Und wenn von „exklusiv“ die Rede ist, dann ist das so gemeint. Außer dem Titelsong „Alphatier“ hat noch keine einzige Note das Licht der öffentlichen digitalen Welt erblickt – das Publikum erlebt im Wortsinn eine Premiere. „Hereinspaziert, Hereinspaziert“ … wie treffend dann der erste Song, der das energetische New York besingt. Anders als bei seinen Tourneen aus den Vorjahren, bei denen Westernhagen auf musikalische Experimentierfreude und Brillanz Wert legte, ist es diesmal vom ersten Ton an guter alter Rock´n Roll – ohne jedweden Schnick Schnack, nicht minder brillant. Die Band versteht ihr Handwerk ohne sich aufzudrängen, lediglich ein paar eingestreute Gitarrenriffs zeigen, dass hier wahrhaft Profis am Werk sind. 

„Sogar in München“ kommentiert er den ersten aufbrandenden Applaus und handelt sich ob der etwas schrägen Ironie prompt ein paar Buh-Rufe ein, entschuldigt dies aber sogleich damit, dass er schließlich Dortmund Fan ist und man ihm doch dieses seltene Glücksgefühl hier in München einfach gönnen soll. Die Fans sind gnädig.

Charismatisch setzt sich Westernhagen, im dunklen Anzug, in Szene, flirtet mit der Backgroundsängerin Lindiwe Suttle und offenbart damit nicht nur bei „Wahre Liebe“ sondern auch beim „Liebeslied“ und „Liebe (um der Freiheit willen)“ seine aktuelle Gefühlslage, wem das „Verzeih“ gewidmet ist, moderiert er nicht. Wer Marius mag, wird auch mit Alphatier nicht enttäuscht. Er rockt, er röhrt wie eh und je und so tief von unten raus, wie nur er es kann. 

Spätestens beim Bonus-Song „Ich bin besessen“ kurz vor Ende eines stimmigen und unverändert exklusiven Konzerts schwappt der ganze Tatendrang, die Spielfreude auf die Anwesenden über. Als schließlich die Zugaben Rufe auch noch mit den schönsten Westernhagen Songs, „Sexy“, „Willenlos“, „Mit 18“ und der ultimativen Ballade von Johnny Walker“ belohnt werden, ist es mit der Exklusivität vorbei und es gibt kein Halten mehr – alle stimmen ein. Die Midager sind aus dem Häuschen. Marius, das Alphatier, erschöpft, glücklich … und ziemlich verliebt. Kurzum: Exklusivität kann Spaß machen.

*** © Udo Kewitsch, 18.04.14 / Zeichen 4483 / Zeilen 65 *** 

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