Nur Nuhr

„Nur Nuhr“ Dieter Nuhr in Salzburg

Nuhr mit Worten die ganz große Show

Wann ist Kabarett großartig, wann trennt sich die intellektuelle Spreu vom humoristischen Weizen? Wann reichen Nuhr Worte und wann braucht man mehr? Die Frage zu beantworten ist nicht leicht. Allzuoft verwechselt man Comedy mit Kabarett, weichgespülten Humor mit heiterem Scharfsinn. Die Grenzen sind, wie so oft im Leben, fließend. Im Falle von Dieter Nuhr aber messerscharf gradlinig und exakt gezogen. Der 1960 in Wesel geborene Westfale versteht es wie nur wenige deutschsprachigen Wortakrobaten eine klare Grenze zu ziehen. Platte Witze oder gar den so gerne genommene „Spaß auf Kosten anderer“ sucht man in seinen Programmen vergebens. So war der Titel knapp gehalten : „Nur Nuhr“ – mehr gab es  nicht – es sollte reichen. Die Salzburg Arena bestens besucht, der Applaus am Ende des „Vortrages“ ein klares Statement: Nur Nuhr ist mehr als genug, es ist ein äußerst  hochwertiges Spiegelkabinett unserer (europäischen) Gesellschaft !

Es beginnt mit der Türkei, der Erdogan hat es ihm in den ersten zehn Minuten angetan. Allein die Aussage, dass er ein Hurensohn sei, kann klar widersprochen werden, war doch seine Mutter nie berufstätig und überhaupt die in den Medien vielzitierte Unzucht mit der Ziege. Hierzu mag Nuhr sich nicht äußern, schließlich kenne er weder Erdogan noch seine Ziege persönlich. Er bleibt politisch. Schwadroniert von Russland über Griechenland bis hin nach England und greift auch das unvermeidliche Flüchtlingsthema realitätsnah auf, indem er das Publikum auffordert sich einmal ins Jahr 2012 zurückzuversetzen. Ein kurze Pause entsteht, jeder in der Salzburg Arena versucht sich zu erinnern – bis Nuhr feststellt: „sehen Sie, nix ist anders, es war 2012 genauso wie 2016 – nix hat sich zum Schlechten verändert. Auch als er das Bild vom überlaufenden Bahnsteig am Bundesligaspieltag zeichnet. Auf der einen Seite der Fan-Zug vom Verein XY, besoffen, gröhlend, lärmend, auf der anderen Seite der Zug voller Flüchtlinge, die erstmals deutschen Boden betreten. Das Bild im Kopf verursacht die Lacher.

Natürlich ist die Welt für die Flüchtlinge hier seltsam. Wer aus Afghanistan oder Syrien in der Dämmerung mit gelben Westen und Stirnlampen bewehrten Joggern begegnet, fragt sich zwangsläufig „wo kommen all die Minenarbeiter her“?

Die Übergänge sind fließend, Nuhr redet sich warm, bleibt stet beherrscht und gibt sich sachlich. Die Naht zwischen Realität und Schalk ist derart hauchdünn, dass es manches Mal beängstigend wachrüttelnd ist.

Die Senioren beispielsweise. Früher, im zarten Alter von 15, dachte Nuhr, dass man mit 30 tot sei, doch wenn ihn jetzt Sechzigjährige auf der Deutschen Autobahn überholen, dann stellt er fest: die haben ein Surfbrett auf dem Dach, die springen doch glatt mit dem Fallschirm direkt in die Grube. In Zukunft haben die Totenhemden Neongelb mit Streifen.

Vom Tod zur Kultur. Diese wurde nur erfunden, damit wir zwischen dem Geschlechsverkehr was zu tun haben, stellt er lächelnd fest und ertappt die Klatscher in der ersten Reihe mit den Worten „und Sie klatschen, weil Sie betroffen sind“.

Nuhr genial, nur treffend scharf und pointiert ist sein Programm. Das Spektrum ist reichhaltig und weitläufig. Wir erfahren viel über Wissenschaft und Statistik und Märchenbücher. Der neuste Trend vom „Theo dem vegatarischen Tiger“ ist jedoch seiner Meinung nach der größte Quatsch, der je zwischen zwei Buchdeckel gepresst wurde. Dann wird er wieder ernst und widmet sich der Nachrichtenflut und der Tatsache, dass wir nicht mehr zu unterscheiden wissen zwischen Sensation und Normalität. Weil jede Meldung ja normalerweise eine Abweichung von der Normalität verlautbart, wir aber auf allen Kanälen und allen Geräten rund um die Uhr mit derartigen Meldungen versorgt werden, nicht mehr erkennen zu vermögen, dass der ganze Wahnsinn so normal wird. Er trifft die wunden Punkte, seziert peinlich akribisch und arbeitet penibel heraus, dass es uns so gut wie nie zuvor geht und wir doch im Jammertal angekommen sind.

Tiefsinnige Brüller, schwadronierende Realitäten, Komik mit Betroffenheitsfaktor. Nur Nuhr ist ein Tauchgang in der Suppe des Alltags, ein Bad im Irrsinn des Lebens. Erschreckend nah an der Wahrheit, erleichternd belustigend. Nuhr nur großartig. 

*** © Udo Kewitsch, Zeichen 4281, Zeilen 62   ***

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