conny & die sonntagsfahrer

Wirtschaftswunder im ausverkauften Nuts

60 Jahre zurück. Ende der Fünfziger, Anfang der 60iger Jahre. Nierentisch, Petticoat und der VW Käfer sind die Vorboten einer blühenden Zeit. In den Tanzcafés spielen gut gekleidete Kapellen oder stilechte Quartetts. Eine davon könnte „Conny & die Sonntagsfahrer“ geheißen haben. Die Stars jener Zeit heißen Peter Kraus, Conny Froboess, Freddy Quinn und später auch gerne einmal Peter Alexander oder Hazy Osterwald, der z.B. seinen Kriminaltango über 900.000 (!) Mal verkaufen konnte.

So mag es nicht verwundern, dass sich die Protagonisten von Conny & die Sonntagsfahrer auch stilecht nennen: Conny (Andrea Graf, Mondsee), Peter (Rainer Heindl, Straubing), Alexander (Thomas Stoiber, Nürnberg), Freddy (Steffen Zünkeler, Oberpfalz).

Peter, der Mann an der Gitarre, eröffnet mit seiner wahrhaft einnehmenden und kräftigen Stimme und seine Mitspieler fügen sich nahtlos in die Kulisse ein. Freddy am Kontrabass wird die nächsten gut zwei Stunden jeweils charmant und ebenso stilecht anmoderieren. Das Kärtchen aus dem Jackett, es darf vorgelesen werden, so manch einer im Publikum nickt wissend, wenn die Anekdoten aus den frühen Jahren zum besten gegeben werden. Conny, die reizende junge Dame im Petticoat, kennt wohl die Zeit rund ums Wirtschaftswunder nur vom hören/sagen und ist doch zentraler und charmanter Mittelpunkt des Quartetts. Zu guter Letzt Alexander am Akkordeon, der diese Combo, 2014 gegründet, wohl ins Leben rief.

Die Kombination aus der launigen, manchmal etwas arg aberwitzigen, Moderation, der Sound der 50iger, die stilechte Kulisse und die musikalische Geschliffenheit der Musiker macht den Auftritt rund. Zugegeben, die ungetrübte Dauerfröhlichkeit alle Akteure über die gesamte Spieldauer hinweg ist für das Auge im Jahr 2020 ungewohnt. In Zeiten von Heavy Metal, Punk, Gangster Rap oder dem coolem HipHop Understatement kennt das Publikum so etwas nicht mehr. Ganz anders hier im Nuts. Die unbeschwerte Fröhlichkeit schwappt aufs Publikum über. Nahezu fehlerfrei singen nahezu alle Gäste im ausverkauften Nuts die Hits der frühen Jahre mit. „Junge, komm bald wieder“ von Freddy Quinn ist da noch die einfachste Übung. Dies war für mich die eigentliche Überraschung des Abends. Woher kennen all die Menschen noch all diese Texte? Im (Röhren)Radio werden diese Lieder seit über 40 Jahren nicht mehr gespielt. Es muss also eine tiefer liegende Faszination darin verborgen sein, die die Erinnerungen an jene Zeit konserviert hat.

Der eingangs erwähnte „Kriminaltango“ aus der Feder von Kurt Feltz fehlte ebenso wenig wie das berühmte „Bosanova“ oder das animierende „Marina“. Komplizierter wurde es, als das Goggomobil besungen wurde und einzig bei der zungenbrechenden Empfehlung für das Wundermittel „Blitzo“ (von Pirron & Knapp) musste jeder der Anwesenden passen – das war eindeutig zu viel Text in zu wenig Zeit. Das, etwas sehr, sehr schnulzige „Traumboot der Liebe“ war ein Langsamst-Walzer in Perfektion. Freddy moderierte anschließend zu Recht „es fällt schwer dieses langsame Tempo zu ertragen“ fügte aber prompt hinzu, wie faszinierend es sei in einem Saal 200 begeisterten Gästen dabei zuzusehen, wie sie sich langsam in genau diesem Takte wiegen. In Zeiten der Youtube Hektik und schneller iPhone Klickerei ist ein Konzert mit Conny & den Sonntagsfahrer tatsächlich eine äußerst angenehme Form der Entschleunigung.

Man muss kein ausgewiesener Schlagerfreund sein, um sich zwei Stunden „Wirtschaftswunder-Sound“ zu gönnen. Beruhigend und erfrischend ist es allemal. Der begeisterte Applaus des Nuts-Publikums bestätigt den Musikern den Nerv der Zeit getroffen zu haben – wenn auch 60 Jahre zurück.

*** © Udo Kewitsch, 01.03.20 / Zeichen 3694/ Zeilen 53  ***

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