Body painting

Auf den Spuren der Indianer

Von der Höhlenmalerei zum Bodypainting

Es gibt so viele neuzeitliche Trends und Strömungen. Man gibt den Dingen einen neuen Namen und manch einer glaubt tatsächlich hinter der hippen Bezeichnung steht etwas noch nie dagewesenes. Beispiel gefällig? Der Duden hat jüngst 5000 (in Worten: fünftausend!) neue Wörter in sein Standardwerk aufgenommen. Hat der Mensch sich früher in Ruhezonen erholt und seine Muskeln entspannt, geht das heute nur noch in Chill Out Areas. Sehnen wir uns heute nach einer Work-Life Balance so haben unsere Mütter und Väter früher schon versucht halbwegs ausgeglichen in einer gesunden Mischung zwischen Beruf und Privat zu leben („Am Sonntag gehört der Vati mir“). Seit Urzeiten läuft die Menschheit, seit vielen Jahren sind wir nur noch am „joggen“, neuerdings sogar am „walken“,  wenn wir heute ein „Road Movie“ ansehen, fühlen sich die älteren Semester gerne auch an den legendären Kinofilm „Easy Rider“ erinnert, der einen solchen Zusatz gar nicht brauchte. Heutzutage gibt es die Zustimmung nur noch in Form von „likes“, während es bis Ende der 90ziger gereicht hat, einfach etwas „gut zu finden“. Der „Daumen hoch“ hält sich jedoch international und weltweit wacker und wurde bislang noch von keiner „neumodischen“ Zehe oder dergleichen ersetzt. 

Körperbemalung – Bodypainting

Haben sich früher die Indianer mit Erdfarben eine Kriegsbemalung zugelegt, Höhlenmenschen sich mit Ocker, dem schwarzen Manganoxid oder schlicht mit Holzkohle einen „Anstrich“ gegeben, so waren es die Ureinwohner in Papua-Neuguinea, die sich Gesicht und Körper zu besonderen festlichen Anlässen, wie Initiationsfeiern, Totenfesten oder Heilungszeremonien bemalten. Womit wir (endlich) beim Thema wären: Bodypainting – oder in der „kleinen“ Version: Facepainting. Neue Begrifflichkeit, alter Ritus. Natürlich, zugegeben: heute vertreiben wir damit längst keine Geister mehr, hoffen nicht auf Wunderheilung und müssen auch dem „Gegner“ mit unserer Maskerade keine Furcht mehr einflößen (das machen wir neuerdings nur noch via Twitter). 

Nein, Body- oder Facepainting ist heutzutage eine Kunstform. War dies beim Clown seit Jahrzehnten in der Zirkuswelt noch ein normales stilistisches Mittel, um dem Gesichtsausdruck eine besondere Note zu geben, so ist es heute auf Festivals und besonderen Events eine Ausdrucksform, manch einer spricht sogar von Body-Art. Die öffentliche Diskussion unter den Gelehrten, ob es sich um eine „etablierte“ Kunstform handelt dauert an. Positives Öl in das lodernde Kunstfeuer gießt seit nunmehr 20 Jahren die wba (Word Bodypainting Assoziation), die nunmehr dieser Tage in Klagenfurt ihr zwanzigstes World Bodypainting Festival ausrichtete. Body-Art Künstler leben auch im Chiemgau. Sabine Mayer aus Waging ist eine von ihnen.  Zwei zweite Plätze beim ebf (european bodypainting festival) in der Kategorie „Facepainting“ und „Special UV Effects“ hat sie mit nach Hause gebracht und damit internationale Anerkennung gewonnen.

„Es ist so faszinierend, etwas zu schaffen, was aber auch wieder so vergänglich ist“ beschreibt sie ihre Leidenschaft. Angefangen hat alles Anfang 2000. Zeichnen und Malen waren seit jeher ihr Hobby. Es ergab sich die Gelegenheit Kinder zu schminken. was lag also näher, als Schmetterlinge und Löwen in deren Gesicht zu zaubern? In Waging wurde man auf Sabine aufmerksam und lud sie zum Marktfest ein, um dort ebenfalls die jüngere Generation zu bemalen. Wie so oft im Leben: eines kommt zum anderen, aus dem Hobby wird eine Leidenschaft, daraus eine Idee und schließlich spürt man so etwas wie eine Berufung und „macht was draus“. Das nennt sich dann heute www.kinderschminken-bodyart.com.

Sabine reist seither nach Klagenfurt oder mal nach Leipzig und München zum Body Forum oder gerne auch mal zur Europameisterschaft nach Amsterdam. Ein Tag in der Galeria Kaufhof ist anstrengend – 25 Kinder in der Stunde, gut 150 am Tag wollen ein Kunstwerk tragen. Ein Schmetterling, ein Tiger, eine Katze, neuerdings gerne auch die Elsa oder einfach glitzernde Fantasie-Welten, andere wiederum nehmen den Bat- oder Spiderman. Da bekommt Body/Facepainting schon mal eine sportliche Dimension.

Der Körper ist die Leinwand

Bodypainting, der Name verrät es schon, hat viel mit Körper zu tun. Unser größtes Organ, die Haut, ist die Leinwand. Ein kleiner Tanga verhüllt den letzten Rest der Scham und ansonsten ist von der Achillesferse bis zum Hals oder gar Scheitel der Kreativität keine Grenze gesetzt. Bei einem Festival wie in Klagenfurt gibt es daher nunmehr auch eine Vielzahl von Kategorien in denen die Preise für die Besten der Besten ausgelobt werden: Pinsel/Schwamm konkurrieren gegen die Airbrush Technik. Es gibt Special-Effects, bei der auch mit Latex Applikationen gearbeitet wird, ebenso wie die Unterscheidung zwischen Body- und Facepainting Wettbewerb. Last but not least erlaubt die sogenannte „offene Kategorie“ eine Mischung aller Techniken und Stilarten, während der Wettbewerb „UV“ nur unter Schwarzlicht seine besondere Wirkung entfaltet und die Körper auf der finsteren Bühne durch den Raum zu schweben scheinen. Magic.

Bunte Messen ziehen manches Mal auch buntes Publikum. Während der Großteil der Aussteller, Künstler, Besucher und Interessenten sich am Thema Kunst orientieren, gibt es immer wieder einige ganz wenige Voyeure, die ihre Betrachtung nur auf die ersten Minuten der Malerei konzentrieren. „Das alles hat überhaupt nichts mit Sexismus oder ähnlichem zu tun“, unterstreicht Sabine Mayer das Thema. Spanner oder ähnliche seltene Randerscheinungen werden schnell erkannt und wenn es sein muss entsprechend ermahnt. „Die Modells schlüpfen in eine Rolle, sie fühlen sich durch die Bemalung keineswegs nackt, im Gegenteil“, erklärt sie die Motivation der Vielzahl von männlichen und weiblichen „lebenden Leinwänden“, die auch gerne mal den ganzen Tag übers Festival Gelände schlendern.

Mein Bauch – mein Gemälde

Gerne genommen wird die Körperbemalung auch bei schwangeren Frauen. Conny W. aus Traunstein hat sich, kurz vor der Geburt, für ein solches Erlebnis entschieden. Erstmals gibt sie Ihren Bauch frei, bespricht sich kurz über die Motivwünsche und –vorschläge mit Sabine Mayer und harrt geduldig eine gute Stunde aus, bis das Kunstwerk fertig ist. Sind es bei Painting Aufträgen in der Münchner Innenstadt die leuchtenden Kinderaugen und die „Ah´s und Oh´s“ der Kleinen, so ist auch der Glücksmoment einer werdenden Mutter und das geschaffene Kunstwerke auf einem schwangeren Bauchs sind Erfahrungen, die die sympathische zweifache Mutter aus Waging nicht missen möchte.

Conny beschreibt kurz darauf ihre Gefühle mit einer Mischung aus Neugier, Experimentierfreude. Der anschließende Zuspruch in der Familie oder auch im sozialen Netz, als zwei Fotos der kleinen, süßen Eulenfamilie auf Connys Bauch für Aufmerksamkeit sorgen, führt laut Conny vor allem zu einem: Stolz auf dieses kleine, schöne, aber doch auch irgendwie nur temporäre Kunstwerk. Im O-Ton klingt das so: „Der Riesenbauch, der ja mittlerweile schon eher zur Belastung wird, ist plötzlich die Leinwand für das wichtigste was man im Leben hat, die Kinder und der Partner! Und plötzlich ist der Bauch gar keine Last mehr sondern ich bin super stolz das ich ihn habe.“

Auch der kleine Sohn freut sich sehr „am Haus seines Brüderchens/Schwesterchen“, er konnte sich nach Aussage von Conny gar nicht sattsehen am Motiv der kleinen Eulenfamilie und glänzende Kinderaugen sind nun einmal eine ganz besonders wertvolle Währung.

So kommt es, wie es kommen muss, wenn etwas mit Leidenschaft betrieben wird. Der Funke springt, das Feuer ist entfacht, Begeisterung macht sich breit. So auch bei Paula Luna (Enkelin des Autors / und mittlerweile Fotomodell für Schmuck von Gallmayer) und Hanna (Tochter von Sabine) an diesem Tag. Beide Kinder (3 und 11) bekommen sozusagen noch als Zugabe eine kleine Gesichtsbemalung und strahlen nach knapp zehn Minuten vom einen Ohr zum anderen. Glückliche Kinder. Es ist überliefert, dass Paula beim Zugbettgehen ihrer Mutter klagte: „ich weiß gar nicht wie ich mich hinlegen soll, damit die Farbe nicht abgeht“. Das sind jetzt aber mal echte neuzeitliche Bodypainting Sorgen. Mehr Infos: www.kinderschminken-bodyart.com aber auch auf www.bodypainting-festival.com (World Festival Klagenfurt) oder http://www.skinpainter.de (eine Website aus Grassau, die sich dem Thema leidenschaftlich widmet).

2020 findet/fand das Body Painting Festival im Juli eingeschränkt statt: mehr Infos –> hier

*** © Udo Kewitsch / Zeichen 8332 / Zeilen 111 ***

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